Letzter Abschied von Gerd

Immer noch unfassbar ist für viele der plötzliche Tod von Gerd Jäger. Etwa 250 Freunde, Verwandte und Weggefährten fanden sich zur Trauerfeier ein. Für alle, die nicht dabeisein konnten, dürfen wir hier Auszüge aus Pfarrer Johannes Habdanks Ansprache veröffentlichen. So kann jeder für sich noch einmal für sich Abschied nehmen.

Liebe Familie, Angehörige, Nachbarn, Freunde, liebe Trauergemeinde,

„Sei, wie du bist, es kommt sowieso irgendwann raus!“, wurde ihm einmal zugesprochen. Dieser Zuspruch von Klaus Staeck  passt auf ihn.

Gerd Jäger ist am 3. Februar 1942 geboren, im Schwarzwald in Schönau, als Jüngster seiner Eltern – schön, dass seine ältere Schwester Marianne, mit der er regelmäßig noch verbunden war, heute da ist.  

„Sei, wie du bist, es kommt sowieso irgendwann raus!“

Im Nachhinein gesehen, lag schon sehr früh fest, wer er sein werde, durch Prägung: Als Sohn eines Försters verbrachte er viel Zeit seiner Kindheit und Jugend im Wald, war also von klein auf ein tief verbundener Freund der Pflanzen, der Tiere und vor allem der Bäume, des Holzes. Zunächst studierte er Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, wechselte aber bald zu dem dänischen Bildhauer und Prof. Robert Jacobsen nach München. Zunächst schuf er in einer aufgelassenen Schmiede Eisenskulpturen. Als er sich später für die eigenhändige Sanierung seines Zehentstadels in Farchach, den er als Ruine 1980 gekauft hat, nicht nur als Kulissenbauer in den Bavaria-Filmstudios Geld verdiente – wo er unter anderem den Fuchur für Michaels Endes „Unendliche Geschichte“-Verfilmung baute – sondern auch als Waldarbeiter wieder viel im Holz war, da ist er schließlich bei seiner Holzkunst angekommen: „meist minimalistische Holzskulpturen, seien es schlanke Thujenstämme, rötlich schimmerndes Lärchenholz, dunkle Eichen oder eine mächtige Fichte“. Seither ist das Holz das von Gerd Jäger „ausschließlich verwendete Material“, wie Katja Sebald einmal schreibt, „dessen Ausdrucksmöglichkeiten er – unbeirrt von den Zeitströmungen – bis ins Detail untersucht. Das Holz, der Baum oder vielmehr der Stamm ist stets Hauptdarsteller in seinem Werk. Der Künstler bearbeitet seine Fundstücke vorsichtig und respektvoll zu meist schlanken und aufrecht stehenden Formen, öffnet ihr Innerstes durch Bohrungen und Höhlungen. Die Öffnungen und Reduzierungen lassen ebenso schlichte wie spannungsvolle Körper entstehen, neue Räume, Hohlräume und Zwischenräume öffnen sich zwischen Figurenpaaren und Figurengruppen. Indem er reduziert oder hinzufügt, öffnet oder freilegt, setzt Jäger der Natur den Menschen entgegen. Aber hinter seiner Arbeit bleibt doch stets eine tiefe Demut spürbar: Alle seine Skulpturen sind Hommagen an das Holz. Sie wollen nichts behaupten, sondern nur sichtbar machen.“ 

Bei all seiner eigenen Kunst: Gerd Jäger versteht sich nicht als Solist, sondern sieht sich zumindest seit seines Anwesens in Berg, in Farchach, auch verbunden mit den anderen Kulturschaffenden und Künstlern vor Ort und in der Region, so setzt er sich in den 90ern für den Erhalt des Marstalls als Kulturstätte ein und gründet die Ateliertage Berg/Icking mit – und ist regelmäßiger neugieriger Gast, einmal auch Künstler, beim „Kunstwerk des Monats“.      

„Sei, wie du bist, es kommt sowieso irgendwann raus.“ Spätestens in München Ende der 60er Jahre, als er von einer Afrika-Reise zurückkehrt,  kommt´s raus und seither lebt er frei von jeglicher gesicherter, bürgerlich -gediegener Existenzweise, daran ändert auch nichts die Eheschließung mit der natur- und wahlverwandten Grit 1970 und die Familiengründung mit zwei Söhnen, Jacob und Franz, Anfang der 70er, die ihm später insgesamt fünf liebe Enkel bescheren werden:

Gerd Jäger ist in den 60ern ein echter Revoluzzer geworden, Protagonist der Münchener Studentenbewegung, Protestführer zuerst gegen Luxussanierungen, später für Parks und antiautoritäre Kindergärten; beim Schwabinger Kunstpreis, den er 1987 erhält, wird sein Einsatz für den Leopoldpark explizit gewürdigt, wo er sich für jeden einzelnen Baum eingesetzt hat. Und das blieb auch das Hauptkennzeichen seines Engagements bis zuletzt: Einsatz für Natur und Flur, Kampf um und für jeden Baum. Die Ersatzpflanzung, die er demnächst für eine Baumfällung im Kapellenweg vornehmen wollte, wahrscheinlich in Farchach oder am Waldrand, was ihm nun verwehrt blieb, könnte jemand in Verbundenheit mit ihm über seinen Tod hinaus an seiner Stelle übernehmen, …

„Sei, wie du bist, es kommt sowieso irgendwann raus.“

Liebe Trauergemeinde, der 68er Revoluzzer ist nicht nur gewesen, der und wie er ist, sondern er ist auch geblieben, der und wie er war, absolut authentisch, nie ein Neo-Wohlstands-68er geworden, nein, keine Rück-Verspießerung, aber auch kein modischer Wutbürger: nein, er blieb aus Überzeugung heraus widerständig, eine unverschämt mutige Zumutung, mit viel Unmut, unbequem und penetrant um der Sache willen, sich kein Blatt vor den Mund nehmend, auch jähzornig, wegen seiner überfallartigen Direktheit gefürchtet, und dann doch auch wieder zäh geduldig, für seine Charakterstärke und Unbeugsamkeit und Prinzipientreue respektiert, ja geschätzt, selbst von seinen politischen Gegnern geachtet und ob seiner Schnörkellosigkeit und Geradlinigkeit bewundert, konsequent und sich selbst treu bis ins Letzte, bei alledem gesegnet mit großer Allgemeinbildung und umfangreichem Natur- und Weltwissen und vor allem mit einem verschmitzten Humor, der ihn nicht nur mir liebenswert gemacht hat. So hat er einmal auf die Frage, warum seine Holzskulpturen ein Loch hätten, also innen hohl seien, geantwortet: Weil sie mir sonst zu schwer zum Tragen sind. Liebenswert auch seine Sammelleidenschaft, diverse Dinge: Wunderliche Sachen vom Wertstoffhof, Bücher, Fotos, Zeitungsausschnitte aus früheren Jahren usw.. und seine Liebe zum Hund, Emma.

… dafür hat er sich eingesetzt, ob für Bäume, den Lüßbach, die Biber, den kleinen Raben, den er bei sich aufgezogen hat, die Kinder im Dorf mit jahrelangen Kreativ-Angeboten „Schule der Phantasie“ (mit Birgid Moser) oder als Vertrauensperson für viele. Ja, er stand im Mittelpunkt – ohne es zu wollen, uneigennützig.

Es war gestern vor einer Woche, da war Gerd Jäger beim Heumachen auf dem Feld – kleine Pause, Gespräch – da ist geschehen, was poetisch grün gefärbt bei dem von ihm verehrten  Christian Morgenstern in seinem Sommergedicht „Farbenglück“ (1900) steht:

„… und schon sinkt mein Blick in grüne Wiesen / und in Wasser und in weißen Dunst – / und ich weiß nicht, wem von allen diesen / schenk’ ich meine Gunst und meine Kunst …“.      Amen.”

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