Ein Zeitalter geht zu Ende: Heute ist im Alter von 96 Jahren in Starnberg Jürgen Habermas, der vielleicht letzte große deutsche Philosoph von Weltrang, gestorben. Mit seinem Weggang aus Frankfurt nach Starnberg im Jahr 1971 endete die berühmte “Frankfurter Schule”. Immer wieder äußerte er sich als kritischer Intellektueller auch zu politischen Fragen, etwa wenn er die Wiedervereinigung als einen „auf wirtschaftliche Imperative zugeschnittenen Verwaltungsvorgang“ kritisierte oder die Einschränkung des Asylrechts “Wohlstandschauvinismus” nannte und – gegen allen Neokonservative gerichtet – am “unvollendeten Projekt der Moderne” festhielt. 2021 Auch in Berg war er immer wieder zu Gast und traf sich mit seinem Freund Michael Krüger im “Oskar Maria Graf Stüberl” zum Weißwein. Wir können also stolz behaupten, dass Jürgen Habermas, der Philosoph, der weltweit für seine “Theorie des kommunikativen Handelns” (1981) berühmt ist, bei uns die “Praxis des kommunikativen Handelns” übte.
Jürgen Habermas (1929-2026) bei einer Diskussion in München im Jahr 2008 (Photo Wolfram Huke CC BY-SA 3.0)
Als Jürgen Habermas 2013 in München die größte von der Stadt zu vergebende kulturelle Auszeichnung, den “Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München”, verleihen bekam hielt er keinen philosophischen Vortrag, sondern sang ein Loblied auf seine Heimatgemeinde Starnberg. Schon damals veröffentlichten wir Auszüge aus dieser Rede, weil man in ihr mühelos den Ort Starnberg durch “Berg” ersetzen kann, denn “super” Fischhändler haben wir sogar mehr als Starnberg.
“Wir wohnen seit vier Jahrzehnten in Starnberg, einer Stadt, die aus einem Fischerdorf erst vor hundert Jahren zur Stadt herangereift ist, … Starnberg ist kein in sich ruhendes Universum wie beispielsweise Weilheim. Es ist auf Ergänzung angewiesen. Man kann in Starnberg nicht leben, ohne nach Süden den Blick über den See auf die vom Föhn zum Greifen nahegerückte Alpenkette zu richten und nicht ohne einem Sog zum Wandern nachzugeben, denn die Stadt öffnet sich bereitwillig zu der von Bicheln und Zwiebeltürmen geprägten Landschaft des Pfaffenwinkels bis nach Murnau, Eschenlohe, Kochel und Tölz.
Aber ebenso wenig kann man in Starnberg leben ohne den S-Bahnkontakt mit der großen Stadt im Norden. Autark ist das wohlhabende Starnberg natürlich im Hinblick auf seine Infrastruktur – von den Schulen und Apotheken bis zu den Banken, vom Krankenhaus bis zum Wochenmarkt. Es gibt sogar ein Äquivalent zu Dallmayr oder Käfer, und der Fischladen ist ohnehin super. Doch München muss für alles da sein, was sonst noch fehlt. Diese Zweiteilung ist charakteristisch für die eigenartige Beziehung, die sich zu diesem Zentrum aus naher Entfernung einstellt.
München ist die Stadt, in der ich übernachtet, aber nie gelebt und nie gearbeitet habe, die ich gleichwohl wie ein Lebensmittel brauche, in kurzen Abständen immer wieder aufsuche, wenn auch nicht einfach so, sondern stets gezielt zu bestimmten Anlässen. (…) Indem ich mein Verhältnis zu München so skizziere, geht es mir um eine bestimmte Phänomenologie der nahen Entfernung. Das merkwürdige Oszillieren zwischen dem Vertrauten und dem Gutbekannten, das nach all den Jahrzehnten natürlich gar nichts mehr von einer bloß touristischen Bekanntschaft an sich hat, verschwindet nicht. Es bleibt eine Differenz. Mit einer eingelebten urbanen Umgebung und dem eingewöhnten und eingewohnten Stadtquartier vertraut zu sein, also in einer Welt zu leben, ist das eine; etwas anderes ist die selektive Vertrautheit mit den kulturellen Adern eines reich gestalteten städtischen Organismus.
Vielleicht erschließt sich der kulturelle Reichtum Münchens, wegen des gewissen ostentativen Charakters seiner höfischen Herkunft, aus der nahen Distanz sogar deutlicher und zeigt sich profilierter als von innerhalb seiner Mauern.
Wie dem auch sei, der dankbare Nutznießer aus Starnberg empfindet die Verleihung des Kulturellen Ehrenpreises als einen Akt der umarmenden, aber die verbleibende Distanz großzügig tolerierenden Eingemeindung.”
Bis zuletzt mischte sich Jürgen Habermas politisch ein. Sein letzter großer Vortrag vom November letzten Jahres in der Siemens Stiftung in München trug den Titel “Von hier an müssen wir alleine weitergehen”. Er war angesichts der weltpolitischen Entwicklung leicht resignativ: Habermas führte bei seinem letzten öffentlichen Auftreten aus, er sähe “bis heute keine überzeugenden Anzeichen für eine Umkehr auf dem eingeschlagenen Weg in ein politisch autoritär gesteuertes, technokratisch verwaltetes, aber ökonomisch libertäres Gesellschaftssystem.” Er schloß den Vortrag mit den letzten Worten: “Am Ende eines politisch eher begünstigten politischen Lebens fällt mir die trotz allem beschwörende Schlussfolgerung nicht leicht: Die weitere politische Integration wenigstens im Kern der Europäischen Union war für uns noch nie so überlebenswichtig wie heute. Und noch nie so unwahrscheinlich.” Der ganze letzte Vortrag findet sich unter: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/rede-juergen-habermas-eu-autoritarismus-usa-e353079/






