Die Ideen

Enthusiastisch begrüßte Bürgermeister Steigenberger am Freitagabend im Postsaal die Gäste sowie die anwesenden Baurefenderare und Baureferendarinnen aus der Planungsgruppe des Public Planning Lab der TUM und ganz besonderes herzlich die Gemeindebürgerin und Honorarprofessorin Christiane Thalgott,  ehemalige Stadtbaurätin von München, auf deren Initiative hin die Gemeinde Berg “überplant” wurde.

 

Gut 80 Plätze waren besetzt, auch zahlreiche Gemeinderatsmitglieder waren gekommen

Besonders hob Bürgermeister Steigenberger hervor, dass die Ideen ohne jegliche Eigeninteressen enstanden seien und einen Blick von außen darstellten  – “Ideen, die nicht zwingend umgesetzt werden müssen, von denen jeder aber einen tollen Ansatz enthält”. Zum Nachlesen finden Sie alle Entwürfe hier: https://www.arc.ed.tum.de/ud/public-planning-lab-isb/

Im Anschluss stellte die Planungsgruppe ihre sechs entwickelten Zukunftspläne für Berg vor. Drei der vorgestellten Ideen wollen wir hier noch einmal herausgreifen: die erstrebenswerteste, die realisierbarste, die spektakulärste.

Erstrebenswert: die Energieautarkie

 

2030: Geringerer Energiebedarf (c) TUM

 

Closing the gap

Eine Gruppe beschäftigte sich mit dem Energiebedarf in der Gemeinde und deren Erzeugung. So wurde zunächst der Energieverbrauch von Berg für das Jahr 2040 prognostiziert und dann ein Konzept zur Energieproduktion innerhalb der Gemeindegrenzen ausgearbeitet. Nach einem Baukastenprinzip ergänzen sich diverse geeignete Standorte und führen zur Autarkie. Auf den Prüfstandgestellt wurden Luft-, Grundwasser- und Erdwärmepumpen, Dach- und Freiflächenphpotovoltaik und Wind. Derzeit werden nur etwa 20% der Dachflächen zur Stromerzeugung genutzt. Für eine Deckung der Versorgungslücke bei 100% Ausnutzung der Dachpotenziale für 2040 wäre eine Freiflächenphotovoltaik auf 82 ha nötig. Oder 7 neue Windräder!

Spektakulär: Ufer los

Badefloß hoch zehn

Der größte Hingucker war die Idee, entlang des Seeufers im Bereich Unterberg bis Kempfenhausen einen Steg zu installieren, die den See für alle zugänglich macht. Besonders eindrucksvoll: Ein Video von einem Spaziergang entlang der Seestraße, auf dem nur mannshohe Hecken zu sehen waren. Der schwimmende Steg soll den See für alle erlebbar machen – samt Sprungturm und integriertem Pool. Als Auftakt ist in dem Entwurf ein “Pop-up-Seebad” für 2024 geplant, um die Öffentlichkeit zu beteiligen. Der südliche Bereich von Allmannshausen bis Leoni soll renaturiert werden.

Ein spektakuläres Projekt, das einige Anrainer schon in Angst und Schrecken versetzte, wie Bürgermeister Steigenberger eingangs sagte – im selben Atemzug aber betonte, dass man nicht alles so bierernst nehmen müsse.

Realisierbar: Lüßbach – Wege am Wasser

 

 

 

Nicht so utopisch schien uns die Möglichkeit, den Lüßbach als zweiten Naturraum neben dem See für die Naherholung zu erschließen. Ein Rad- und Spazierweg soll am Lüßbach entlang von Kempfenhausen nach Höhenrain führen. Unterwegs finden sich wie “an einer Perlenkette aufgereiht” Anlagen zur Energiegewinnung, die besichtigt werden können: die “Seewasserwärmpumpe Kempenhausen”, das kleine Wasserkraftwerk am Lüßbach, die Berger Windräder, die Hackschnitzelheizung in Bachhausen, Photovoltaik auf Freiflächen und Dächern. Endpunkt ist der Dorfplatz in Höhenrain.

Wie reagierte das Publikum?

Stefan Pfander, ehemaliger Manager und GfK-Beirat, regte eine Umfrage zu den Problemen der Berger Bürgerinnen und Bürger an. Er erkundigte sich auch, wie das Briefing für die Planungsgruppe war. Bürgermeister Steigenberger erklärte, es sei nicht darum gegangen, bestimmte Schwierigkeiten zu lösen, sondern im Rahmen des Seminars etwas zu entwickeln – ohne Problemkatalog.
Randi Valerien vermisste Treffpunkte für die Jugend. Das sei integriert gewesen, lautete die Antwort, die Idee sei gewesen, generationenübergreifende Begegnungsorte zu schaffen, die auch neue Plätze für die Jugend enthielten.
Christian Kalinke, ehemaliger BMW-Manager und BergSpektiven-Gründer, beklagte den Identitätsverlust von Berg. Mit dem vielen Durchgangsverkehr und den charakterlosen Neubauten gehe Berg immer mehr verloren.
Felix Hofmann aus Leoni gab zu bedenken, dass Bergs Topographie nicht unbedingt für den Radverkehr geeignet sei – etwa die Strecke von Leoni nach Farchach zurückzulegen, sei durchaus sportlich. In der Tat sei der Verkehr in Berg sehr autolastig, so die Antwort.
Bernhard von Rosenbladt erinnerte an das von der Bürgerbeteiligung ausgearbeitete Radwegekonzept. Ihm werde schmerzhaft bewusst, wie groß der Schritt von freischwebenden Utopien zur Realisierung sei.
Rainer Hascher, Architekt und  Professor emeritus, übte Kritik. Den Ideen für Objekte und Projekte fehle eine Identität für den Ort. In einem der Entwürfe werde aus dem alten, umgenutzten Rathaus ein unnahbarer Sockel, während sich das neue gut einfüge. Der Steg gehe nicht mit der notwendigen Sensibilität auf die Gegebenheiten ein, das habe ihn geradezu entsetzt. Maßstäblichkeit solle aufgenommen werden, statt große Projekte zu implantieren. Die Antwort: Es sei gerade Absicht gewesen, sich große Projekte vorzunehmen, bei denen bewusst übertrieben worden sei, um sie zu diskutieren.
Ulrike Adldinger, Architektin aus Höhenrain, möchte bei der Umsetzung von Projekten die Bürger besser integrieren.

Abschließend erläuterte Bürgermeister Steigenberger, dass Projekte wie die erneute Inbetriebnahme der alten Seilbahn an der Rottmannshöhe sicherlich nicht realisierbar seien, aber es gebe Beispiele – wie der autonome Shuttlebus in Bad Birnbach –, die überraschende Lösungen darstellten. In allen Projekten stecke ein Kern, den man umsetzen könne.

Wir erinnern übrigens an das Wimmelbild “Berg braucht Visionen” von Teresa Erhard, das die QUH im Wahlkampf 2012 in Auftrag gegeben hatte – schon da finden sich einige – lustige wie realisierbare – Zukunftsideen.

Beispiel Oberberg

Der Text von 2012:

Auf einer gekrönten QUH reitet Elke Link über den Zebrastreifen durch Oberberg ins Rathaus. Vorbei an einer Oskar-Maria-Graf-Bibliothek und solarbedachten Häusern. Beim Maibaum ist ein Biergarten entstanden, an der Tankstelle tanken Elektroautos. An der Stelle der Wurstfabrik ist ein Bürgerzentrum entstanden. Gegenüber hat eine Internetfirma eröffnet.

 

 

Kommentieren (6)

  1. Gast
    20. März 2023 um 13:07

    da ich nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnte, muss die Grafik zur Energiesituation 2023 und 2040 als alleinige Informationsbasis herhalten. Da erstaunt schon, warum der prognostizierte Stromverbrauch im Jahr 2040 weniger als halb so groß sein soll als 2023, wenn doch die meisten Öl- und Gasheizungen durch stromfressende Wärmepumpen ersetzt sind und die dann ausschließlich vorhandenen E-Mobile ebenfalls einen hohen Strombedarf haben. Vielleicht kann die QUH dieses Rätsel auflösen?

    • quh
      20. März 2023 um 13:19
      • Gast
        20. März 2023 um 17:34

        Leider kann ich in dem Link keinerlei Antwort zu der von mir gestellten Frage finden. Bei dem Bericht zu Berg steht:
        “Projektaufgabe Berg am Starnberger See
        Beschreibung folgt…”
        Aber vielleicht können Sie mir die Frage auch ohne Hinweis auf einen nichtsagenden Link geben. Die Frage ist doch ganz einfach:
        Warum ist der Strombedarf 2040 in der Gemeinde Berg nur weniger als halb so groß wie 2022?

  2. quh
    20. März 2023 um 18:24

    In der Grafik steht z.B. dass eine besser Wärmedämmung zu Einsparungen führt. Wir können in den Kommentaren leider keine Bilder einstellen. Wohl steigt auch die Energieeffizienz durch neue Technologien und der Anteil energieintensiver Industrien verschiebt sich zugunsten des energiearmen Dienstleistungssektor. Wir fragen heute Abend noch mal nach.

    • Gast
      21. März 2023 um 17:18

      Sie wollen also die Strommenge von 178 MWh im Jahr 2022 auf 80 MWh im Jahr 2040 reduzieren dadurch, dass sie u.a. die Dämmung verbessern. Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass in den 178 MWh nur minimale Mengen Strom zur Gebäudeheizung enthalten sind, in den 80 MWh 2040 aber eine gehörige Menge durch die dann installierten Wärmepumpen? Aber auch Ihre ergänzenden Antworten (Energieeffizienz, energieintensive Betriebe) zeigen ein erschreckendes Maß an Unkenntnis. Man kann sich über die Antworten nur mehr wundern. Aber sie passen zu den herrschenden physikalisch-technischen Kenntnissen der Gesellschaft; einfach unterirdisch.
      Da wird 80 Leuten eine Grafik gezeigt, die man nur als unsinnig bezeichnen kann und niemand steht auf und weist auf diesen Blödsinn hin. Inzwischen kann man den Leuten offensichtlich jeden Schmarrn erzählen, sie glauben einfach alles, wenn es von den “richtigen” Leuten kommt. Wie viel hat diese Studie eigentlich gekostet?

      • quh
        21. März 2023 um 17:44

        “Wir” wollen gar nichts, sondern geben lediglich eine Kurzfassung des Vortrags wieder. Aber das Rätsel ist gelöst, wir haben noch einmal Rücksprache gehalten – es handelt sich nicht um eine Senkung des Stromverbrauchs, sondern um eine Senkung des Gesamtenergiebedarfs. Ich füge noch einen weiteren Teil der Folie ein, den Link zur Gesamtpräsentation hatte ich ja bereits geschickt.