Jenny Holzer wird 60!

Jenny wer? … Nun: Jenny Holzer ist eine der berühmtesten amerikanischen Künstlerinnen. … Na und? … Zu Berg hat Jenny Holzer eine besondere Beziehung, wie uns in einem Gastartikel die Kunsthistorikerin, QUH-Blog-Leserin und Journalistin Katja Sebald schreibt, die mit der Künstlerin über Berg und Graf und Kunst gesprochen hat:

“Am 29. Juli feiert die amerikanische Konzeptkünstlerin Jenny Holzer ihren sechzigsten Geburtstag. Sie fühle sich Oskar Maria Graf verbunden, für ihre eigene künstlerische Entwicklung habe er eine entscheidende Rolle gespielt, bekannte sie kürzlich in einem Interview. Was aber hat die New Yorkerin mit dem berühmtesten Sohn der Gemeinde Berg zu tun?


Jenny Holzer vor dem Münchner Literaturhaus (Photo: Peter Schinzler)

Jenny Holzer wurde 1950 in Gallipolis in Ohio geboren und ist heute eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Ihre „Sprachkunst“ steht in der Tradition von Pop Art, Konzeptkunst und Minimal Art, aber auch in der Tradition von amerikanischen Künstlern, die ab den sechziger Jahren mit ihrer Kunst auf das sich immer mehr verändernde politische und soziale Klima in den Vereinigten Staaten reagierten. Bekannt wurde sie Mitte der siebziger Jahre durch ihre „Truisms“, kurzen knappen „Lebenswahrheiten“, die sie zunächst auf Plakate druckte und mit denen sie New Yorker Hauswände beklebte. „Protect me from what I want“ und andere eindringliche, aber oft einander widersprechende Sätze konnte man schon bald auf Lastwagen, T-Shirts und Kappen lesen, …


Ein “Truism”: Holzer Spruch auf T-Shirt (Privatsammlung, Berg)

… schließlich liefen sie auch über die elektronischen Werbetafeln am New Yorker Times Square. 1990 vertrat Jenny Holzer als erste weibliche Künstlerin die USA mit einer Einzelausstellung auf der Biennale von Venedig und wurde mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. In Deutschland wurde Jenny Holzer auch einer breiten Öffentlichkeit schlagartig bekannt, als sie im November 1993 ein Heft des Magazins der Süddeutschen Zeitung gestaltete und für die Schrift auf der Titelseite von Frauen gespendetes Blut in die rote Druckfarbe mischen ließ. Mit dem Projekt „Lustmord“ wollte Jenny Holzer auf die Gewalt an Frauen während des Balkankriegs aufmerksam machen.

Wesentlich weniger Aufsehen erregte Jenny Holzer mit ihrem zweiten Münchner Projekt: 1997 wurde das von ihr konzipierte Denkmal für Oskar Maria Graf im Münchner Literaturhaus eingeweiht. Zur Erinnerung an „Münchens lautesten Dichter“ entwarf Holzer ein „Sprachdenkmal“, für das sie Zitate aus Grafs Werk auf Tassen, Teller und andere Einrichtungsgegenstände des Cafés im Literaturhaus drucken und einige Graf-Erzählungen über ein LED-Schriftband laufen lässt.


Jenny Holzer Werk: Spruch von Oskar Maria Graf auf Teller (Privatsammlung, Berg)

Für Jenny Holzer keine einfache Aufgabe, denn sie spricht praktisch kein Wort Deutsch. Aber: „Ich mag schwierige Aufträge, denn dann muss ich angestrengter denken und arbeiten“, sagt sie rückblickend. „Es war nicht einfach, das lange Leben eines Mannes abzubilden, der wegen der Nationalsozialisten seine Heimat verlassen hat.“ Freilich, ob ihr das mit ihrer Textauswahl, für die sie sich auf andere verlassen musste, gelungen ist – das ist bis heute umstritten. Annemarie Koch, Grafs Tochter, jedenfalls boykottierte seinerzeit die Eröffnung des Literaturhauses und war der Meinung, dass Sätze wie „Mehr Erotik, bitte!“ und „Mehr Sexualität, die Herrschaften!“ eher auf Unterhosen als auf Tassen gehören würden. Jenny Holzer findet die Sätze nach wie vor „wirklich typisch“ für Graf und reagiert damals wie heute recht gelassen auf Kritik: „Ob die Kritiker wohl alle mit seinem Leben und Werk vertraut waren?“, fragt sie – und es klingt ein bisschen so, als verstehe sie sich als echte Graf-Kennerin.

In Jenny Holzers Werk findet das „Oskar Maria Graf Memorial“, das von den meisten Besuchern des Kaffeehauses eher als Werbegag denn als Literaturdenkmal wahrgenommen wird, bis heute kaum Erwähnung. „Das Graf-Projekt ist mir besonders wichtig“, sagt jedoch die Künstlerin: Sie habe dort erstmals nicht mit ihren eigenen Texten, sondern mit fremden gearbeitet – eine Vorgehensweise, die sie mittlerweile zum Prinzip erhoben hat, und mit der sie eine der wichtigsten politischen Künstlerinnen der Gegenwart geworden ist.” Katja Sebald

Die Teller und Tassen, die Jenny Holzer für das Literaturhaus entworfen hat, kann man dort für wenige Euro kaufen. Vgl. http://www.literaturhaus-muenchen.de/haus/cafe.htm