Die Welt als Wille und Klangvorstellung

Als der junge, aufstrebende Philosoph Arthur Schopenhauer seine erste Vorlesung ankündigte, legte er diese – um seinen erfolgreichen und populären Kollegen zu provozieren – exakt auf die selbe Zeit wie Friedrich Wilhelm Hegel. Die Terminierung des ersten ECHOLOT-Festivals für neue Musik in Kempfenhausen erinnert etwas an diese Aktion: Es findet teilweise parallel zum EM-Viertelfinale statt. Dabei ist das Festival nichts weniger als eine kleine Sensation.

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Vom 1. bis 3. Juli findet in Schloß Kempfenhausen ein Festival für Neue Musik statt

Das ECHOLOT-Festival, hinter dem zu großen Teilen der Berger Kulturbeauftragte & QUH-Vorsitzende Jokl Kaske mit der von ihm geleiteten “Christoph und Stephan Kaske Stiftung” steht, versucht an diesem Wochenende etwas Ungeheueres: die zu Unrecht als “schwierig” geltende klassisch-moderne Musik einem Publikum vorzustellen. Dazu hat man sich zunächst einmal prominente Verstärkung geholt: der künstlerische Leiter des Festivals ist Gunther Pretzel von den Münchner Philharmonikern. 

Gunter-Pretzel-Foto-J-SoaresHelgaPogatschar_Presse_©SiggiMueller

Der Bratschist Gunther Petzel und die Starnberger Komponistin Helga Pogatschar zeichnen unter anderen für das ziemlich aufregende Programm verantwortlich.

Das Festival richtet sich vor allem auch an die ziemlich verschworene Gemeinschaft von Komponisten neuer, ernster Musik. Los geht es am Freitag um 18 Uhr. Im “Klanggarten” von Schloss Kempfenhausen erklingt ein Werk, das gleich einen kleinen Höhepunkt bilden wird: Georg Haiders “Scherzo funèbre”, das im anschließenden Konzert des Pelaar-Quartetts dann in ganzer Länge im Schlosssaal gespielt werden wird (neben dem Adagio aus dem 2. Streichquartett von Alexander Mosolow, das schon 90 Jahre auf dem Geigenbogen hat). Das Stück hat sogar einen kleinen Berg-Bezug: Georg Haider hat es während eines Stipendienaufenthaltes des Bayerischen Staates in Kanada geschrieben, zu dem er gemeinsam mit Bergs 3. Bürgermeisterin Elke Link eingeladen war. Georg schreibt uns dazu:

“Der Titel “Scherzo funèbre” bezieht sich auf den Eindruck des “Indian Summer”, bei dem die Natur nochmals in einer unglaublichen Farbenpracht feiert, wobei ihr (vorläufiger) Rückzug im Unterton schon mitschwingt. Und es scheint mir manchmal so, dass in unserer Zeit auch die Menschheit ihren “Indian Summer” feiert, ob der darauf zwangsläufige Rückzug nur ein vorläufiger ist, muss sich erst noch zeigen.”

… Weiter geht es heute dann um 21 Uhr mit orientalischen Märchen und neuen Medien … dazu wird das ganze Schloss Kempfenhausen zur Kinoleinwand … und Gunter Pretzel spielt dazu Viola; klingt beängstigend.

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Am schwierigsten – im Schopenhauerschen Sinne – wird es die in Neutöner-Kreisen bekannte Formation 48nord haben, die Samstagabend das 4. Konzert spielen wird … sie müssen nicht nur gegen das EM-Finale, sondern auch noch gegen das im gleichen Ortsteil stattfindende Sonnwendfest anspielen.

Das Programm des Festivals (in dem eigenartigerweise zwar die künstlerischen Leiter, aber nur im Ausnahmefall die von ihnen ausgewählten Komponisten genannt werden) finden Sie hier: http://www.echolotfestival.de/programm/ . 

Und wie ging die Geschichte mit Schopenhauer aus? – Es kamen so wenige Hörer in seine Vorlesung, dass sie im folgenden Semester abgesagt wurde. Erst als Rentner wurde er weltberühmt und gilt als großer Überwinder Hegels. Das ECHOLOT-Festival ist als Veranstaltungsreihe geplant. Damit sie nicht erst im Rentenalter hören, was sie verpasst haben: Am Wochenende schon hingehen!