Rückblick auf die Berger Festwochen

Die Berger Festwochen sind vorbei. Die abschließende Lesung von Philipp Moog füllte das Katharina-Von-Bora Haus. Ein Viertelhundert Veranstaltungen hat der Berger Kulturbeauftragte Andreas Ammer (QUH) in den letzten gut 10 Wochen zu einem Programm zusammengestellt, das es in Berg so noch nie gab: Hier sein Bericht:

“Es geschah so selbstverständlich, als wäre es nie anders gewesen: Plötzlich war Berg eine Gemeinde, in der international gefeierte Künstler über tausend Besucher anziehen, plötzlich war es so, als hätten hier schon immer bekannte Kabarettistinnen umjubelte Auftritte gemacht, als würden schon immer Musiker aus Übersee hier bei Open-Air-Festivals auftreten, oder als seien wir schon immer eine Gemeinde, die sich selbstkritisch ihrer Vergangenheit im 3. Reich stellt. Nein – seien wir ehrlich – all das hatte es in Berg lange nicht (Open-Air-Festivals, Kabarett) oder in den 1200 Jahren noch nie (Ausstellungen internationaler Künstler, Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit) gegeben.

Erstmals seit 1200 Jahren in Berg: die Mamma Bavaria (Photo HP Höck)

Aber plötzlich waren wir diese lebendige Gemeinde. Insofern könnte es Hoffnung geben, dass die Berger Festwochen zum 1200-jährigen Jubiläum eine Chance für eine Neuerfindung sind: Weg von dem immer drohenden Schicksal eines ländlichen Schlafdorfs im Speckgürtel der Großstadt. Hin zu einer weltoffenen, lebenswerten Gemeinde voller Geist und der Künste.

Über ein Viertelhundert Veranstaltungen habe ich als Kulturbeauftragter der Gemeinde mit der Hilfe des Kulturvereins, den Künstlern der Ateliertage, anderen Organisatoren und ihren zahllosen ehrenamtlichen Helfern für das Programm www.berg1200.de zusammenstellen können. Es ging dabei auch darum, bisher ungesehene Orte wie das Schloss Berg oder die Villa de Osa einmal zugänglich zu machen, oder die Volkssternwarte und die Johanniskirche als Veranstaltungsorte zu erschließen.

Wahrscheinlich der spirituelle Höhepunkt: das Vibraphonkonzert in der Johanniskapelle

Es gab intime Konzerte wie das des Vibraphonisten Karl Ivar Refseth in der  kleinen Johanniskirche oder umjubelte Groß-Events wie die hoffnungslos ausverkaufte „Alien Disko“ mit dem „Geisterbahn“-Festival in der Villa de Osa. Dort traten im neobarocken Rahmen an einem Sommertag insgesamt neun Bands (davon zwei aus Japan) vor mehreren hundert Zuschauer:innen auf.

Mit manchen Erfolgen konnte man rechnen: Dass Luise Kinseher als „Mamma Bavaria“ in kürzester Zeit den Postsaal ausverkaufen würde, war vorauszusehen. Aber auch deren Management war verblüfft, dass wir keine einzige Karte in den überregionalen Vorverkauf geben konnten, denn alle Karten wurden über die „bekannten Vorverkaufsstellen“ Drogerie Höck oder die Buchhandlung „Schöner Lesen“ verkauft.

Eine künstlerische Hausbesetzung: die “Hochzeitskapelle'” mit der Alien Disko in der Villa de Osa

Anders verlief es mit dem Alien-Disko-Open-Air-„Geisterbahn“-Festival in der Villa de Osa. Nachdem die SZ in ihrem überregionalen Teil ganzseitig auf der Titelseite über das Besondere des Festivals berichtet hatte, kamen die Zuschauer:innen zahlreich zu diesem musikalisch einmaligen Festival und versuchten auf alle erdenklichen Arten, irgendwie noch an Tickets zu kommen. Die, die welche hatten, bejubelten, wie bayerische Musik-Heroen Maxi Pongratz und die Münchner „Hochzeitskapelle“ auf international bekannte Künstler wie den japanischen Instrumentenbastler ICHI oder dessen berührende Kollegen von den „Tenniscoats“ trafen. Es war ein lauer Sommerabend voller Zauber und Musik, wie er nur an diesem Tag an diesem besonderen Ort passieren konnte.

Überhaupt verabschiedete sich die Villa de Osa mit Bravour von den Bergerinnen und Bergern: Mehr als 1500 Zuschauer besuchten an drei Wochenenden in den ehemaligen Mauern des Krankenhauses die Ausstellung „Von A bis Z“. In ihr trafen sich die Kunstwerke des STOA169-Initiators Bernd Zimmer erstmalig mit denen von Herbert Achternbusch. Die Veranstaltung (organisiert zusammen mit Katja Sebald, Elke Link, Jörn Kachelriess und versichert mit einer siebenstelligen Summe) war die erste umfassende Werkschau von Achternbusch-Bildern nach dem Tod dieses bayerischen Urgenies. Selbst die vielen privaten Leihgeber, die wir als Kuratoren gewinnen konnten, sich für die Zeit von ihren Lieblingsbildern zu trennen, waren von der Präsentation begeistert. Schon zur Eröffnung kamen fast 200 Gäste. Das zu Ehren der Leihgeber:innen und der freiwilligen Wachleute auf der Terrasse der Villa veranstaltete Picknick wird womöglich für lange Zeit, wenn nicht für immer die letzte Gelegenheit sein, zu der Nicht-Investoren Zutritt zu dem wunderschönen Grundstück bekamen.

Unheimliche Begegnung: Werke von Herbert Achternbusch und Bernd Zimmer in der “Mörderrotunde” der Villa de Osa

Das Motto für die Festtage lautete „Die Welt zu Gast in Berg, Berg begrüßt die Welt“. Deshalb wurden auch nicht nur nationale Stars und internationale Künstler nach Berg geladen, sondern die Berger Künstler konnten sich selbst der Welt an außergewöhnlichen Orten präsentieren: So fand erstmals, aber hoffentlich nicht das letzte Mal, auf dem Gelände der Berger Volkssternwarte ein Open-Air-Konzert statt. Die Berger Band „Silverfish Surfers“ und „All my Monsters“ lockten trotz schwieriger Wetterlage (es hatte den ganzen Tag geregnet) über 150 Zuschauer an Bergs höchsten Punkt mit Blick auf die Alpen. Sie feierten und tanzten bis Mitternacht, währenddessen die Teleskope auf die Sterne gerichtet waren.

Den Sternen ganz nah: die Silverfish Surfer in der Sternwarte

Den Anfang der Festlichkeiten hatten mit einer eigens konzipierten Show im Marstall die Künstler der Ateliertage gemacht. Die Ausstellung lieferte dann auch das Symbol der Festtage: das begehbare Holzmodell der Berger Johanniskirche, das der Künstler Hans Panschar zu diesem Anlass geschaffen hatte. Nach der Ausstellung vermachte er es der Gemeinde. Diese transportierte es – mithilfe des Bauhofs – dann stolz von Feierlichkeit zu Feierlichkeit, und es schmückte selbstverständlich auch den Festplatz am Lohacker beim Jubiläumswochenende von MTV Berg (100 Jahre), Freiwilliger Feuerwehr Berg (150 Jahre) und den Burschenschaften.

Mauserte sich ungefragt zum Symbol der Festlichkeiten: das Modell der Johanniskapelle von Hans Panschar im Marstall 

Im Wechselspiel von populären Highlights und exklusiven Leckerbissen ging es weiter: Die Oskar Maria Graf-Schule beteiligte sich mit einer Aktionswoche an den Festwochen, in der die Kinder die Berger Geschichte und ihre Besonderheiten entdeckten. Die handgemalten Reiseführer, die sie über die Gemeinde schrieben, gehören jetzt schon zu gesuchten Sammelstücken. In ihnen kommt natürlich auch das Schloss Berg vor, der Wohnsitz des Herzogs Franz von Bayern, das allerdings ausschließlich privaten Zwecken vorbehalten und gänzlich unzugänglich ist. Aber anlässlich des historischen Jubiläums gestattete der Herzog 50 Berger Bürger:innen, die per Los ausgesucht wurden, eine Besichtigung einzelner Räume seines Schlosses. Er kam damit unserer Bitte nach, die „jahrhundertelange Verbindung des Hauses Wittelsbach mit Berg“ zum Ausdruck zu bringen. Es war für alle, die das Glück hatten, ein buchstäblich „einmaliges“ demokratisches Erlebnis, das Schloss betreten und einmal wie einstmals König Ludwig II. aus verblüffend kleinen Fenstern auf eine von dort aus heile Welt und in den großzügigen Garten blicken zu dürfen.

Ergebnis der Aktionswoche in der OMG-Grundschule: ein neuer Plan für Berg

Vom Fußball- bis zum Kulturverein … von den Grundschule bis hinauf zur Sternwarte … vom Festumzug in Uniform und Tracht bis zu Führungen durch die Berger Straßen … vom harten Rockfestival bis zur alternativ versponnenen Alien Disko … vom spirituellen 30 Zuhörer:innen-Event in der Johanniskirche bis zu den 1500 Besucher*innen der Achternbusch/Zimmer Ausstellung … von Beethovens ersten Klaviersonaten bis zum lauten NDW-Gassenhauer „Wir bauen eine neue Stadt“, mit der programmatisch das „Geisterbahn“-Festival zu Ende ging:  10 Wochen lang war das ganze Dorf erfüllt von Kunst, Kultur und freudigen Gesängen.

Aber auch über Mängel in Berg gab es einiges zu lernen. Zum einen, dass Berg (oder zumindest der Rittersaal in Kempfenhausen) dringend einen neuen Flügel benötigt: Auf dem dort vorhandenen klavierähnlichen Instrument hätte nie das grandiose Konzert zu Ehren von Dietrich Fischer-Dieskau gespielt werden können, das der Kulturverein dort ausrichtete. Er musste eigens dafür einen Konzertflügel für Berg angemietet werden. Um so größer war dann der künstlerische Ertrag. Selten hat man Schuberts „Winterreise“ so innig dargeboten bekommen. Selbst Herzog Franz war anwesend und gratulierte dem jungen Bariton Benjamin Appl, einem der letzten Schüler des Meistersängers Dietrich Fischer-Dieskau, dessen Geist an diesem Abend durch den Kempfenhauser Rittersaal schwebte.

Längst Überfällig: die Beschäftigung von Berg mit der Nazi-Vergangenheit

Der zweite, noch etwas größere Mangel betrifft das Geschichtsbewusstsein in Berg. Die drei Lesungen, die der Archivar Heinz Rothenfußer zur Geschichte von Berg im Dritten Reich veranstaltete, enthielten unfassbar viele, in Berg so noch nie zuvor gehörte Fakten und grausigen Geschichten. Sie räumten endgültig mit der Mär auf, dass es in Berg keine große Nazi-Vergangenheit gab. Im Gegenteil! Nicht nur wies Heinz Rothenfußer nach, dass auf dem Gelände der heutigen Marianne-Strauss-Klinik im Zuge der „Aktion Brandt“ an die 100 Insassen wegen schlechter Behandlung verstarben, sondern er gemahnte auch daran, dass weder dort noch an der Friedhofsmauer von Berg, wo die auswärtigen Patienten verscharrt wurden, bisher ein Gedenkstein an deren furchtbares Schicksal erinnert. Er hatte mit den letzten Zeitzeugen geredet. Er wies – mit Namensnennung – nach, dass Berger Lokalpolitiker aktiv an Deportationen beteiligt waren. Er las erstmals aus der Chronik des früheren Bürgermeisters Paul Huber, die dieser so lange verfasste, bis er aus Angst vor den Nazis verstummte. Vor allem in dieser Hinsicht, der Aufarbeitung der Vergangenheit, gibt es in Berg weiter viel zu tun und auch zu erforschen. Dass diese – so wie alle Veranstaltungen – allein dem ehrenamtlichen Engagement engagierter Berger*innen zu verdanken ist, die durch ihre Zeit und Arbeit all diese Veranstaltungen möglich gemacht haben, macht dankbar, aber auch ein wenig betroffen.

Nicht nur in diesem Sinne hoffe ich, dass die Berger Festwochen einerseits ein Blick in die Vergangenheit waren und uns einen ereignisreichen Frühsommer in der Gemeinde beschert haben, sondern dass sie außerdem ein Vorbote der Zukunft waren.

Der Kulturbeauftragte begrüßt die Zuschauer und schaut zurück (alle Photos HP Höck, Jörn Kachelriess, QUH)

 

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