Folge zwei unserer Miniserie über die letzten Tage von König Ludwig II. Heute mit seiner Gefangennahme, seiner letzten Reise, einer barmherzigen Posthalterin, dem Transport nach Berg und seinem vorletzten Mittagessen.

Was geschah mit dem König? (Abb. © QUH)
Der Zeitplan für den Transport von König Ludwig von Neuschwanstein nach Schloss Berg war vom Ministerrat abgesegnet: um 4 Uhr nachts Abfahrt von Hohenschwangau, gegen Mittag Ankunft in Berg. Um Mitternacht war die zweite Fangkommission nach 10-stündiger Reise auf Neuschwanstein eingetroffen; diesmal kann sie ungehindert das Schloss betreten. Ein wachhabender Gendarm rät zur Eile: “Der König versucht, sich umzubringen.” Kammerdiener Mayr verrät: “Schon mehrmals hat er den Schlüssel zum Turm verlangt. Wahrscheinlich will er von dort in die Tiefe springen. Wir haben ihm gesagt, der Schlüssel sei verlegt.”
Nach offizieller Darstellung wird dem – sichtlich angetrunkenen – König nächtens eine Falle gestellt: Ihm wird gesagt, der Turmschlüssel sei gefunden; er stürmt zum Turm, dort erwartet ihn Dr. Gudden, der ebenfalls nicht mehr lange zu leben hat, mit den Worten: “Majestät sind von vier Irrenärzten begutachtet worden, und nach deren Ausspruch hat Prinz Luitpold die Regentschaft übernommen. Ich habe den Befehl, Majestät nach Schloß Berg zu begleiten, und zwar noch in dieser Nacht. Wenn Majestät befehlen, wird der Wagen um 4 abfahren.”

König Ludwig wird auf Schloss Neuschwanstein von Dr. Gudden festgenommen (Abb. © QUH)
Der König wird ins Schlafzimmer gebracht; dort erkennt er Dr. Gudden, den er vor 14 Jahren zum letzten Mal gesehen hatte, als er ihn persönlich in sein Amt berufen hatte.
Gegen 4 Uhr nachts beginnt planmäßig der Abtransport. Man fährt mit 4 Kutschen. In der dritten sitzt allein, mit abmontierten Türgriffen, der König.

Unterwegs werden zwei Mal, in Peißenberg und Steingaden, die Pferde gewechselt. Um 9 Uhr 45 gibt es im Wald zwischen Weilheim und Seeshaupt eine viertelstündige Toilettenpause für den König. Beim letzten Pferdewechsel in Seeshaupt unterhält sich der König mit der Frau des dortigen Posthalters, Therese Vogl, die ihm ein Glas Wasser bringt.

Die Seeshaupter Wirtin Therese Vogl überreicht dem König ein Glas Wasser (Abb. @ QUH)
“Danke! Danke! Danke!” antwortet Ludwig und flüstert Therese noch etwas zu, was zu Verschwörungstheorien um eine mögliche Befreiungsaktion geführt hat. Das berühmte Trinkglas wird von der Familie noch lange aufbewahrt:
“Bevor ins Wellengrab er sank
von Geistesnacht umhüllt,
nahm er daraus den letzten Trank
sein Wunsch ward ihm erfüllt.
Und eine Träne fiel hinein,
eine Perle soll dem Glas sie sein.”

Der legendäre letzte Halt (auf der Postkarte ist ein falsches Datum angegeben), der Halt fand am 12. Juni statt
Der Zug stoppt vor dem Eintreffen in Berg um 12 Uhr 30 noch ein letztes Mal in Leoni, wo für den König noch ein paar Semmeln gekauft werden. Inzwischen ist das ehemalige Schloss Berg zu einer improvisierten Heil- & Pflegeanstalt umgerüstet worden: Die Klinken wurden abgeschraubt, die Türen mit Gucklöchern versehen, in die Fenster werden gerade Löcher für Gitterstäbe geschlagen.

Der König als Gefangener in seinem eigenen Schloss (Abb. © QUH)
Mittagessen gibt es um 13.30. Die Menüfolge ist vom Leibkoch Theodor Hierneis genau überliefert: Es gab Rheinsalm, Kartoffeln, Rindfleisch mit Grünerbsen, Wasser statt Rotwein. Auf dem Tisch liegen nur stumpfe Messer. Das Geschirr wird auf geheime Botschaften hin untersucht.

Das Mittagessen von König Ludwig heute vor 140 Jahren (Abb. © QUH)
Nach dem Mittagessen, gegen 15 Uhr, geht der König zu Bett und verlangt, um Mitternacht geweckt zu werden. Der Arzt Dr. Müller verbietet das: “Majestät muss zur Ordnung gebracht werden, daß der Tag zum Tag und die Nacht zur Nacht gemacht wird.”
Durch Berg selbst patroullieren Gendarmen. Nach dem Bericht von Oskar Maria Graf ordnen sie an: “Ab heute ist es verboten, nach Einbruch der Dunkelheit die Straße zu betreten, Besuche zu machen oder sich in der Nähe der Schloßmauern oder oben am Parkzaun sehen zu lassen. Das ist streng untersagt.” Die Bevölkerung hält sich nicht daran. Auch auf dem See sind Kähne zu sehen, die vor dem Schloss auf und ab fahren. Oskar Maria Graf spottet: “Das Maul soll jeder halten, und unseren König wollen sie wegräumen?! Ganz insgeheim wollen sie ihn umbringen wie einen Lumpen! Diese Sippschaft!“
Der König wird um Mitternacht nicht geweckt, wacht aber gegen 23.45 von selbst auf. Seine Kleider werden ihm verweigert. Er verlangt wenigstens nach Strümpfen, da ihm kalt sei. Er isst ein Stück Brot und eine Orange.
Wie der 13. Juni verläuft und alles, was wir darüber wissen, lesen Sie morgen an dieser Stelle. Heute nur soviel: Es wird nicht gut enden.
Hallo, der Einsatz von KI-Bildern kann grundsätzlich hilfreich sein. Doch wenn die Anmutung der Bilder eher die Zeit des Barock und Rokoko wiedergibt, anstatt die Zeit des 19. Jahrhunderts (1886), wirkt es kurios.
Vielen Dank für Ihre Ausführungen. Schön, dass Sie uns so umfangreich an den letzten Tagesabläufen Ludwigs II teilnehmen lassen.
Obgleich ich mich seit etlichen Jahren mit diesem außergewöhnlichen Menschen der bayerischen Geschichte beschäftige, war mir dies noch nirgends begegnet.
Anmerken möchte ich gerne, sofern Sie es noch nicht gelesen haben, das Buch von Professor Heinz Häfner, “Ein König wird beseitigt” erschienen bei C.H.Beck im Jahr 2011.
Dieser beschreibt darin, da selbst rennomierter psychiatrischer Professor an der Universität Heidelberg, den “Fall” der angeblichen Geistesschwäche Ludwig II, aber auch dessen Bruder Otto und eventuelle Dispositionen der Häuser Wittelsbach und Habsburg aus seiner fundierten beruflichen Sicht, und kommt zu völlig anderen Diagnosen als die damaligen Gutachter es vermochten.
Ludwig II….also kein Wahnsinns-König, sondern ein Visionär der Ereignisse gedanklich vorweg genommen hat.