Ein König stirbt: Folge 4 – Der König ist todt

Sicher ist: Nachdem Dr. Gudden erst geschlagen wurde und dann – wie auch immer – ertrank, ging König Ludwig II. noch 8-10 Schritte in den See hinaus, bevor – wie auch immer – sein Tod eintrat. Wir fassen die Berichte und Indizien, die am  Tag nach dem Unglück aufgenommen wurden, zusammen. Sie zeichnen eigentlich ein so deutliches Bild, dass die Mythenbildung überrascht.

“Die Schritte des Königs führten also südwestlich”  (Fehler in dieser Abbildung (© QUH): Dr. Gudden schwamm mit dem Rücken nach oben im See, der Köng trug keinen Rock mehr, der Sonnenstand ist inkorrekt, die Berge sind nicht die Alpen, das Wetter war stürmisch)

Mit dem Tod des Königs ist die Tragödie von Berg noch lange nicht beendet. Wahrscheinlich werden die Leichen von König Ludwig II. und Dr. Gudden zuerst in die fast einen Kilometer entfernte Bootshütte des Fischers Lidl (Seestraße 11) gebracht. Einer anderen Theorie nach werden sie in das näher gelegene Badehaus des Schlosses transportiert. Die Regierung läßt dieses jedenfalls noch am gleichen Tag abreißen.


Um 2 Uhr Nacht erfährt es die Presse: Extrablatt – Der König ist todt!

Die Starnberger Gerichtskommission, die spätestens gegen 2 Uhr nachts am Unglücksort eintrifft stellt angesichts des königlichen Leichnams fest: “Über Verletzungen … ist negativer Befund zu konstatieren.” Bei Dr. Gudden findet man hingegen Schlag- und Kratzwunden, ein Fingernagel ist abgebrochen; man findet ihn am Mantel des Königs wieder, der am Ufer gefunden wurde. Ein sicheres Indiz dafür, dass er versucht hat diesen festzuhalten und dieser sich losgerissen hat. Zusammen mit der Beule auf Guddens Totenmaske, die von einem Schlag stammten muss und 2014 zuerst in Schloß Benediktbeuren ausgestellt wurde, ergibt sich allerdings eine klare Indizienkette, was an dem Abend passiert ist. Zweifelhaft ist, ob es eine unabhängige Untersuchung der Leichen gegeben hat. Der Oberlamtgerichtsrat Arnold beschwert sich: “Dem Amtsarzt war es nicht gestattet, die Leichen aufzudecken, geschweige denn auf die Todesursache hin zu untersuchen. Es wurde von ihm nur erwartet, daß er den bereits mehrfach konstatierten Tod nochmals bestätigt.


Auszug aus dem Sterbebuch der Pfarrei Aufkirchen, das die Todesursachen vor allen Spekulationen korrekt vermerkt

Am hellsichtigsten ist das Sterbebuch der Pfarrei Aufkirchen, das mit katholischer Strenge unter No. 16 und unter “Seine Majestät Ludwig II”, korrekt vermerkt: Hat sich in seiner Geisteszerrüttung selbst in den Tod gestürzt. / Bei o.. 17 “Dr. Bernhard von Gudden” steht direkt darunter ebenfalls unbezweifelbar “Ist bei dem Versuch, den König zu retten, ertrunken.” Das dies offenbar unter Gewalteinwirkung geschah, also wohl zumindest der Straftatbestand des Totschlages erfüllt sein dürfte, steht da nicht.

Die Berger Unglücksstelle wird gut 10 Mal von unterschiedlichen Kommissionen mit unterschiedlichen Ergebnissen untersucht. Es gibt auch Augenzeugenberichte. Einer stammt vom Otto Schleussinger, Sohn von Karl Schleussinger, damals Sekretär am Amtsgericht Starnberg. Er ist recht eindeutig und läßt wenig Raum für all die umherschwirrenden Theorien:

Schräg gegenüber der grünen Holzbank führte über eine leicht abwärts geneigte Wiese ein etrwa 8-10 m langer, dürftiger Fußsteig an das Seeufer, das völlig mit Weidengebüsch eingesäumt war. Rechtes vom Weg war ein Taxusbusch. An diesem rechts vorbei, den Weg abschneidend, fühtten die tiefen Schittfpuren des Königs und Dr. Guddens zum Ufer,. Gudden scheint in den Busch gefallen oder gestoßen worden zu sein, weil seinem mantel und Schirm Reste von Zweigen und Blättern steckten (Eigenbeobachtung).

Im Weibenbuschwerk, das ziemlich dicht das Ufergelände einsäumte, muß Gudden den König erreicht haben. Er Riß ihn bei dem Versuch, ihn zurückzuhalten den Hut und die beiden Räcke herunterAuch die Schirme lagen hier herum. Vom kiesigen Uferrand weg warten wieder die Trittspuren der beiden im Schlammboden zu erkennen. Etwa 10m vom Ufer entfernt waren die Trittspuren deutliche Spuren des Kampfes, bei dem Gudden unterlag. Von da weg war der König allein  noch etwa 8- 10 Schritte in der Richtung nach der Roseninsel gegangen, dann zweifellos vom Schlag tödlich getroffen. Und von hier an waren die Spuren der von den Wellen ans Ufer getragenen Leiche des Königs deutlich zu erkennen.

Die Schritte des Königs führten also südwestlich. Meine Beobachtung läßt den Schluß zu, daß der König in den See hinausgelaufen und nach dem entsetzlichen Aufregungen der letzten Tage und Stunden Schliß machen wollte. Der See war an der Kampfesstelle 1m am Ende der Spuren kaum 120 cm tief.

Die Skizzen, die am Tag nach dem 13. Juni von der Unglücksstelle gemacht wurden, entsprechen diesen Schilderungen.


Die genaueste Skizze der Spuren am Unglücksort stammt vom Bezirksbautechniker Franz Xaver Haertinger, der den Ort als letzter untersuchte

Am Ufer finden sich die Schirme von Dr. Gudden und König Ludwig, sowie der Mantel des Königs mit dem abgerissenen Fingernagel des Königs. Dann führen Spuren 16,5m direkt in den See, wo Spuren darauf hindeuten, dass dort im Wasser ein Kampf stattgefunden haben könnte. Weitere Fußspuren führen – lt. Haertinger – von dort nach Nordosten. Sie gehen bei ca. 1,30m Wassertiefe, dem möglichen Todesort Ludwigs in in Schleifpuren über, die von den beiden mit dem Rücken nach oben und in Windrichtung im Wasser treibenden Leichen stammen könnten.


Schematische Darstellung der unterschiedlich aufgenommenen Spuren von Haertinger (gelb) und der Gerichtskommission Starnberg (rot) 2014 ausgestellt in der Ausstellung über Dr. Gudden in Kloster Benediktbeuren

Währenddessen nimmt die Berger Bevölkerung Abschied vom König. Der Zutritt zum Schloß ist bei den chaotischen Zuständen ungehindert möglich. “Wir stürmten ins Schloß, guckten in alle Räume , sahen des Königs Rock und Hut im Korridor hängen und taten uns wichtig, bis uns Hofrat Klug abfaßte zurechtwies und uns nur mehr die beiden Toten anzusehen erlaubte.”, berichtet Otto Schlaussinger weiter. Es gibt keine Schilderungen von irgendwelchen Schuß- oder sonstigen Wunden bei den öffentlich sichtbaren Kleidungsstücken.

In München wird Prinzregent Luitpold “Königsmörder” gerufen; Preußen sichert ihm im Falle eines Aufstandes zu, “jeden Schutz zu gewähren”. Um 6 Uhr morgens wird Ludwigs Bruder Otto I. zum König erklärt und wegen dessen Regierungsunfähigkeit ihr Onkel Kronprinz Luitpold als Prinzregent eingesetzt.. Königin Sisi in Feldafing weilend hält den Prinzregent für schuldig am Tod. Sie dichtet: “Seht den heuchlerischen Alten / Drückt ihn sein Gewissen nicht? Thut so fromm die Hände falten, / Sauersüß ist sein Gesicht.”

Das Totenbuch der Pfarrgemeinde Aufkirchen berichtet die beiden Leichen “wurden nach München überführt”

Den Anfang der Geschichte lesen sie weiter unten hier im QUH Blog: https://quh-berg.de/ein-sonntag-vor-140-jahren-ein-koenig-stirbt-folge-3-der-13-juni/

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