Ein Freitag vor 140 Jahren … ein König stirbt: Folge 1 – der 11. Juni

Aus “aktuellem” Anlass aktualisieren wir noch einmal unsere beliebte Miniserie “Ein König stirbt”, die wir hier vor 12 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht haben. https://quh-berg.de/?s=ein+könig+stirbt%3A+folge

König Ludwig II. um 1875, Kopie eines Portraits von Joseph Bernhard / Bayerische Staatsgemäldesammlung

Der 11. Juni 1886, ebenfalls ein Freitag, ist der letzte Tag den König Ludwig noch einigermaßen in “Freiheit” auf Schloss Neuschwanstein verbringt. Am Vortag war das staatliche Vorhaben, ihn gefangen zu nehmen, peinlich gescheitert: Vom Balkon seines Schlafzimmers hatte der König um 3 Uhr 30 Nachts das Herannahen einer teils alkoholisierten “Fangkommission” beobachten können.  Zu seinem Leibdienern gewandt bemerkt der theatererfahrene Regent: “Die Sache kommt mir vor wie ein mißlungenes Schauspiel.


Zimmer mit schlechter Aussicht: vom Balkon dieses Schlafzimmers sah Ludwig seine Häscher herankommen

Vor dem verschlossenen Schlosstor wurde die Fangkommission von 10 alarmierten Gendarmen empfangen: “Im Namen seiner Majestät, niemand darf das Schloß betreten!“. Die Fangkommission beginnt zu verhandeln, verweist auf ihr Schreiben des Prinzregenten, es kommt zum Handgemenge, währenddessen auch eine Flasche Chloroform zu Bruch geht. Die resolute Baronin Spera von Truchseß, die von der Aktion Wind bekommen hatte, verjagte schließlich am frühen Morgen die frustrierte Kommission mit ihrem Regenschirm und skandierte: “Hoch lebe der König!”


“Im Namen Seiner Majestät des Königs” setzt der Onkel des Königs. Prinzregent Luitpold, Ludwig II. am 10. Juni offiziell ab

Währenddessen war morgens um 10 Uhr in München offiziell die Regentschaft von Prinzregent Luitpold (rechts ein Portrait von ca 1891) öffentlich bekannt gemacht worden. Die Bevölkerung ist skeptisch bis rebellisch. Frank Wedekind notiert: “Man erwartete allgemein, der König werde seinen Wächtern entfliehen und nach München kommen, wo er jedenfalls mit lautem Jubel empfangen worden wäre.

Genau dies rät ihm auch Ludwigs letzter Verbündeter, der Graf Dürckheim. Der König lehnt das Vorhaben, das vielleicht seine Rettung bedeutet hätte, ebenso ab wie eine Flucht nach Tirol: “Ich sehe viel zu schlecht aus, um mich in der Öffentlichkeit zu zeigen.” – Mit den letzten Resten seiner Macht hat es der König geschafft, die Fangkommission verhaften zu lassen und im Torbau von Neuschwanstein gefangen zu halten.

Die mit Bleistift geschriebenen Anweisungen des Königs sind drastisch: “Die ärgsten fesseln lassen. Holnstein u. Minister. … Knebeln lassen … Alle sehr stark schlagen lassen. – … Mit festen Stricken binden u. bis aufs Blut peitschen lassen.” – Nachdem gegen 13 Uhr die offizielle Regentschaftsproklamation eintrifft, kommen die Gefangenen frei, bevor diese Befehle ausgeführt werden.

König Ludwig II. ist nun Gefangener auf seinem eigenen Traum von einem Schloss In München beschließt man, ihn nach Berg zu bringen, da die Bevölkerung in Hohenschwangau und bei Linderhof zu aufgebracht sei. Nach dem Misserfolg der ersten reist am 11. Juni – heute vor 140 jahren – eine zweite “Fangkommission” an.

Sie besteht aus Dr. Gudden, seinem Assistenten von Müller, 5 Krankenpflegern und 2 regierungstreuen Gendarmen. Auf Schloss Neuschwanstein wurde bis auf 5 Diener und einen Friseur alles überzählige Personal nach München befohlen.

Um 2 Uhr 35 werden in der Nacht von der bayerischen Regierung alle Telegrafenstationen für Ludwig II. gesperrt. Auch damals war dies ein illegaler Akt. So kann Ludwig weder die Armee zu Hilfe rufen, noch auf Bismarcks guten Rat hören, sich einfach in München zu zeigen. Ludwig ist auf seinem Schloss von der Außenwelt abgeschnitten. Vorschläge seines Kutschers Osterholzer zur Flucht lehnt der König zunächst angeblich mit den Worten ab: “Um meinetwillen soll kein Blut vergossen werden.” Seinen Kammerlakai Mayr, den Friseur Hoppe und den Kutscher Osterholzer bittet der König hingegen am Vormittag, ihm Gift zu besorgen.


Die letzten Königstreuen: Flügeladjutant Graf Dürckheim, rät zur Flucht / der Kutscher Osterholzer will sie ermöglichen

14 Uhr: Während sich in München die zweite Fangkommission – diesmal mit dem Linienzug – erneut auf den gut 10-stündigen Weg zur Gefangennahme eines Königs macht, möchte Ludwig spazieren gehen. Allein die regierungstreuen Gendarmen, die das Schloss umstellt halten, machen das unmöglich.

Um 18 Uhr speist der König allein im Sängersaal. Ein vom Küchenpersonal verlangtes Küchenmesser bekommt er nicht ausgehändigt. Draußen ist es regnerisch und kalt.


Der Sängersaal von Neuschwanstein, wo Ludwig das letzte Mal in Freiheit und Einsamkeit speiste, in einer kolorierten Photographie

Währenddessen wird in München Ludwigs letzter Verbündeter, der Graf Dürckheim als Hochverräter verhaftet. Als Ludwig sich doch zur Flucht entschieden hat, kann sein getreuer Kutscher längst nicht mehr zu ihm durchdringen. “Von der höchsten Stufe des Lebens hinabgeschleudert zu werden in ein Nichts – das ist verlorenes Leben. Das ertrage ich nicht. Daß man mit die Krone nimmt, könnte ich verschmerzen, aber daß man mich für irrsinnig erklärt, überlebe ich nicht.

Gegen 21 Uhr fängt der König an, sich allein zu betrinken. Man bringt ihm eine Kanne Rum mit Gewürznelken, Cognac, Wein und Champagner. Er raucht übermäßig viel und sagt zum Lakai Mayr: “Ertrinken ist ein schöner Tod, da wird man nicht verstümmelt. Aber, wenn man sich in die Tiefe stürzt, wird man so sehr entstellt. … Besorg mir den Schlüssel zum Turm.” – Die Diener behaupten, der Turmschlüssel sei “verlegt”, freilich hätte sich der König leicht auch vom Balkon in den Tod stürzen können (Gemälde von Friedrich Leeke, nach 1886).

Irgendwann nach Mitternacht trifft die 2. Fangkomission in Neuschwanstein ein. Nachts um 4 Uhr soll der Transport von Ludwig nach Berg erfolgen. Der König hat keine 48 Stunden mehr zu leben.

Fortsetzung folgt morgen … an dieser Stelle.

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