In seiner ersten regulären Sitzung ist der neue Gemeinderat von Berg nur knapp an einer historischen Schande vorbeigeschrammt: Das umsichtige Abstimmungsverhalten der Dritten Bürgermeisterin Annatina Manninger (CSU), die in diesem Fall nicht mit ihrer neuen konservativen Gestaltungsmehrheit stimmte, führte dazu, dass die neue Straße im Höhenrainer Gewerbegebiet nun “Pater-Franz-Kreis-Straße” heißen wird. Nur mit 11:9 Stimmen (gegen EUW, 5xCSU & Werner Streitberger (SPD)) billigte der Gemeinderat den Vorschlag des Bürgermeisters, die in einer Sitzung vor 8 Jahren “Milanweg” getaufte Erschließungsstraße für das Gewerbegebiet am Oberen Lüßbach jetzt bei der Fertigstellung nach dem Jesuitenpater zu benennen, der als Nazi-Oberstleutnant verkleidet, mindestens 32 Menschen auf dem Todesmarsch persönlich aus den Fängen der SS befreite.
In der erstaunlichen und beschämenden Diskussion wurden die teilweise zu Tode geprügelten KZ-Insassen “Kreaturen” genannt, und es fielen öffentlich Sätze wie “Es gibt in Höhenrain keinen Grund, sich daran zu erinnern”. Der Altbürgermeister Rupert Monn hatte bei einer Rede zum Jahrestag des Todesmarsches noch gesagt: „Das Leiden der Häftlinge, aber auch die Taten ihrer Peiniger dürfen nicht in Vergessenheit geraten”. Sein Sohn Stefan Monn stimmte mit seiner Fraktion jetzt gegen dieses Erinnern. Aber der Reihe nach:
Am 26. April hatte die SS das Lager Dachau aus Angst vor den heranrückenden Alliierten geräumt. An die 8.000 Häftlinge – die meisten zu erschöpft zum Gehen – sollten nach Tirol geschafft werden. Viele starben am Wegesrand. Der ehemalige Häftling Karl Weber erinnert sich:
“Und wir, die am Schluß des Elendszuges marschierten, mußten miterleben, daß viele Kameraden nicht mehr mitgehen konnten, weil sie zu schwach waren. Hinter uns ging ein Trupp der SS mit Bluthunden und mit Maschinengewehren. Immer wieder krachte ein Schuß nach dem anderen. Wer nicht mitkam, der ist gnadenlos abgeknallt worden. Und wie viele gab es, die fußleidend und halbverhungert waren?”
Zwei damals junge Höhenrainerinnen haben sich für die Dokumentation “Gegen das Vergessen” hg. von Karin Hoh-Knüppel und dem Kulturverein Berg 1996 ebenfalls an den Zug erinnert:
“Zuerst war es ein eigenartiges Geräusch von der Straße her. Wir waren alle sehr beunruhigt und wussten nicht, was es zu bedeuten hatte. Es war Ende April 1945, dass das Ende des Krieges unmittelbar bevorstand, war klar – unser Vater, der zu Hause war, sagte es voller Zuversicht täglich. Ich erinnere mich noch gut an meine Angst in dieser Nacht.
Im ersten Morgengrauen liefen wir nach draußen und sahen die vielen Leute. Oben auf der Hauptstraße kamen von Richtung Starnberg her viele Menschen in gestreiften grauen Anzügen. Manche von ihnen hatten eine graubraune Decke umgehängt. Jeder von ihnen hatte eine Nummer oder Buchstaben auf dem Rücken. Die waren auf den Jacken aufgemalt. Die Leute waren dürr, ausgemergelt, oft schwach zum Umfallen und viele von ihnen waren schon mehr tot als lebendig.”

Eines der drei Fotos von Benno Gantner, die vom Todesmarsch existieren (Percha)
“Es sickerte durch, dass das KZ Dachau durch die SS geräumt worden war, weil die Amerikaner immer näher rückten. Mit großer Härte trieben die schwer bewaffneten SS-Männer den Zug ständig an – wohl weil sie selbst große Angst vor den Amerikanern hatten.”
Und dann gibt es eben die Geschichte von Pater Franz Kreis, der in diesen Tagen zeigte, was Menschlichkeit und Zivilcourage bewirken kann. Der Berger Leo Fuchsenberger vom Verein Christlicher Pfadfinder (VCP) Berg – Stamm Franz Kreis hat seine Facharbeit über die Rettung geschrieben:
“Am 28. April 1945 entschloss sich Frater (der Jesuitenpfarrer war damals noch nicht Pater, Anm. d. QUH) Franz Kreis vom damaligen Jesuitenrefugium auf der Rottmannshöhe, nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Armee, aber noch im Besitz einer Oberleutnant-Uniform, zusammen mit Otto Pies, einem Pater, der selbst im KZ Dachau inhaftiert gewesen war, dem Todesmarsch durch Berg und Höhenrain auf Fahrrädern zu folgen. Sie stießen kurz hinter Wolfratshausen auf die Gefangenen, die dort unter der strengen Bewachung im Wald lagerten. Die beiden Jesuiten konnten Kontakt zu Häftlingen aufnehmen, was vor allem durch die Oberleutnant-Uniform von Franz Kreis gelingen konnte.
Nachdem sich die beiden couragierten Ordensbrüder ein Bild von der Lage gemacht hatten, kamen sie in der darauf folgenden Nacht wieder. Diesmal mit einem geliehenen Lastwagen. Sie hatten Lebensmittel und Kleider dabei, die sie unter den Gefangenen verteilten. 12 verletzte Häftlinge konnten sie zur Behandlung mitnehmen. Zwei Nächte später zogen sie wieder los, und es gelang ihnen, weitere 20 Gefangene zu befreien.”
Die Tat wurde erst langsam bekannt. 2012 berichtete der Pfarrbrief der Kathfolischen Parreigemeinschaft Starnberg unter der Überschrift “Gedenken was war”:
“Franz Kreis hat nie von den Ereignissen im Juni 1945 gesprochen. Nur in den Hausbüchern der Jesuiten der Rottmannshöhe, die heute im Archiv der Societas Jesu in der kaulbachstraße in München liegen, kann man von seinen Heldentaten Lesen … Beeindruckt von seiner Selbstlosigkeit und seinem Einsatz im Namen der christlichen Nächstenliebe, beschlossen die Berger Pfadfinder, diesem vergessenen Helden des Widerstandes ein kleine Dnekmal zu setzen und bekannten ihren Stamm nach Franz Kreis.”
Diesem Gedenken wollten sich EUW, CSU und Werner Streitberger nicht anschließen. Schon 2017 hatte hingegen Dr. Andreas Ammer (QUH) angesichts dieser tapferen Tat dem Gemeinderat erstmals vorgeschlagen, den Lüderitzweg in Kempfenhausen in “Pater-Franz-Kreis-Weg” umzubenennen. Sein Vorschlag scheiterte u.a. mit dem Hinweis auf die sehr unpopuläre Aktion einer Straßenumbenennung. Als die QUH daraufhin den Bürgermeister anlässlich der seltenen Gelegenheit, eine Straße neu zu benennen, auf diese Geschichte hinwies, war dieser sofort beeindruckt. Er trug dem Gemeinderat vor, dass sich ein stärkerer Ortsbezug als ein bloßer Vogelname ergeben hätte und wollte an die Zivilcourage des Fraters erinnern. Der Zug war an der Einmündung des zukünftigen “Pater-Franz-Kreis-Weges” vorbeigezogen. Dann entspann sich die peinliche Diskussion, in deren Verlauf Sätze fielen wie “Es kann damit in Höhenrain niemand etwas anfangen.” (Wobei ja genau das die Funktion einer solchen Benennung ist).
Rupert Steigenberger erinnerte die fatale Diskussion stark an die Lage, als sich der Berger Gemeinderat 1980 weigerte, eine “Oskar-Maria-Graf-Straße” zu schaffen (die es deshalb bis heute nicht gibt – man nannte sie zurückhaltend Graf-Straße).

Heimliches Photo von Benno Gantner vom Todesmarsch durch Percha am 28.4.1945
In einer letzten Wortmeldung gegen die Straßenbenennung erzählte Werner Streitberger noch, dass es auch Menschen gegeben hätte, die den Häftlingen Kartoffeln gekocht hätten. Ja, die gab es, auch sie verdienen es, dass ihnen im Zuge einer nötigen Erinnerungskultur gedacht wird. Wir haben im QUH Blog schon öfter an sie erinnert. Wir erzählen ihre tapfere Geschichte und nennen ihre Namen:
“Die Hungersnot und der Durst unter den Menschen waren groß und sie bettelten trotz der strengen Bewachung immer wieder nach etwas Ess- und Trinkbarem.
Da Brot und Milch schnell vergriffen war, kochten meine Mutter und andere Nachbarn immer wieder Kartoffeln in großen Dämpfern, in denen sonst eigentlich nur Futterkartoffeln für das Vieh gekocht wurde. Wir Kinder brachten sie in großen Schüsseln an den Straßenrand. Dieser Menschenzug war so lang, dass mehrere Tage lang, Tag und Nacht, das Klappern der Holzschuhe auf der Straße weithin zu hören war. Es war ein ganz eigenartiges Geräusch, das ich nie mehr vergessen werde.”
Dies sind zusammengeführte Erinnerungen von Marianne Ziora und Veronika E. Winkler aus Höhenrain, die damals 10 und 13 Jahre alt waren. Die Erinnerungen und das Foto sind enthalten in der Berger Dokumentation „Gegen das Vergessen“, herausgegeben von Karin Höh-Knüppel / Kulturverein Berg e.V. 1996. Seit 11 Jahren kann man sie hier nachlesen: https://quh-berg.de/marsch-des-lebens-der-todesmarsch-aus-dachau-teil-2-1022413582/.
Den Rest der Sitzung des neuen Gemeinderates, der noch etwas um seine neue Form ringt (und in dem der Bürgermeister offenbar Probleme hat, genug Stimmen für seine Vorschläge zu sammeln) bald an dieser Stelle.
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