Unser OSKAR / pt. 2

Noch vor wenigen Jahren“, weiß die renommierte Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft, “tat man gut daran, in Berg nicht vollmundig als Verehrer Grafs aufzutreten.“. Vor wenigen Jahren?


Berg ist … wo der König Ludwig heißt, der Graf aber nicht Oskar Maria

In 17 Städten dieser Welt – von Rosenheim bis Burghausen – haben Stadtverwaltungen dem berühmten Schriftsteller Oskar Maria Graf die Ehre erwiesen, Straßen oder Wege nach ihm zu benennen. Nur in Berg weigerten sich Anwohner, unter einer solchen Adresse angeschrieben zu werden. Deshalb gibt es in Berg bis heute zu Ehren des berühmtesten Sohnes der Gemeinde keine Oskar-Maria-Graf-Straße, sondern nur eine unverfängliche “Graf-Straße”.


Am sogenannten Oskar-Maria-Graf-Platz in Berg

Offiziell gibt es in Berg – irgendwo an der Kreuzung Grafstraße / Schatzlgasse – zum Ausgleich für diese schändliche Geschichte angeblich einen Oskar-Maria-Graf-Platz. … und in der Tat hängt in schwindelnder Höhe versteckt auch einsam eine einzige, einem Straßenschild ähnliche Tafel, die so etwas vermuten ließe …

… doch das direkt hinter diesem Schild am vermeintlichen Oskar-Maria-Graf-Platz stehende Haus …

… trägt als postalische Adresse die unverfänglichen Bezeichnung …


Grafstraße 14!

Um diesen Zustand der Ignoranz etwas abzuändern, wird die QUH an dieser Stelle in lockerer Folge weiterhin Zitate, Dokumente oder Erinnerungsstücke an Oskar Maria Graf veröffentlichen. Den Anfang macht ein Photo der Schulklasse des kleinen Oskar. Mit dem Abschied aus der Aufkirchner Schule beginnt Grafs autobiographisches Meisterwerk “Wir sind Gefangene”:

Such den Oskar: Vor der Alten Schule um 1900 (Privatsammlung)

An jenem Mainachmittag, da der Lehrer plötzlich zur Türe hereinkam, auf mich und meine Schwester Anna zuging und uns sagte, wir dürften heimgehen, weil unser Vater sehr krank sei, empfand ich gar nichts.

Erkennt auf dem obigen Photo noch irgendjemand irgendjemand anderen? – Zuschriften (oder andere Graf-Memorabilen) bitte an die QUH: quh@quh-berg.de

Vor genau 100 Jahren, 1912, beginnt dann für Graf nachdem er aus Berg nach Schwabing geflüchtet ist, seine Laufbahn als Schriftsteller. Er schreibt erste Gedichte und Aphorismen, verteilt Flugblätter: “Mit Büchervertreib und Zeitungen was zu tun zu haben, (…) das eröffnete immerhin Aussicht auf Gedrucktwerden. Sofort setzte ich mich nachts hin und schrieb einen Artikel über die Unterdrückung und die Gerechtigkeit (…). Andern Tags (…) holte ich die Theres nach langer Zeit wieder vom Geschäft ab. ‘Ich hab jetzt eine feine Stelle’, sagte ich strahlend und lächelte siegessicher, ‘ich bin jetzt Sekretär bei den Anarchisten'” – Erst am Tag darauf erfährt der reichlich verblüffte, 18-jährige Oskar, dass dies mitnichten ein bezahlter Job ist. “Als ich mich dann endlich (…) etwas gesammelt hatte, knirschte ich und dachte wütend: Also wieder alles verpfuscht! Hol alles der Teufel! … Fortsetzung folgt.

Und was hätte der Anarchist und “Nestbeschmutzer” Oskar zur QUH gesagt?

Aus der offenen Stalltüre des Nachbarhauses drang das dumpfe Muhen der Kühe. ‘So ein Kuh hab’ ich immer haben wollen. Es hat nie gelangt dazu’, murmelte der Stellmacher wie aus einem ohnmächtigen Schmerz heraus und atmete schwer. ‘Maxl, eine Kuh ist viel wert …’ ” (OMG, Das Leben meiner Mutter, Werkausgabe, List Verlag, Bd. V S. 139)

Einen anderer QUH-Artikel über die Reise “Unseres Oskars” zum “Berg der Wahrheit” findet sich hier: /?p=2465/